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Die Entfesselung der wahren Stimmgewalt

Von Solveig Kirschner, Landsberger Tagblatt

Zweifellos ist die menschliche Stimme das natürlichste und emotionalste Instrument, dessen sich der Mensch zum Musizieren bedienen kann. Gerade die Verbindung einzelner Stimmen zu einem Klangkörper ermöglicht einen Reichtum an Farben und harmonischen Möglichkeiten, aber auch an Textausdeutung, und hat seit jeher einen hohen musikgeschichtlichen wie auch gesellschaftlichen Stellenwert eingenommen.

Seit 20 Jahren besteht das Vocalensemble Landsberg an der Sing-und Musikschule der Stadt. Um dessen Freude am gemeinschaftlichen Singen zu würdigen, die sich immer wieder durch Zusammenarbeiten mit anderen Chören, aber auch viele nationale und internationale Auszeichnungen äußert, hatte sich am Samstagabend ein großes Publikum in der Berufsfachschule zum Jubiläumskonzert eingefunden. Die Zahl hochrangiger Gäste wie Oberbürgermeister Ingo Lehmann, Landrat Walter Eichner oder der Präsident des Bayerischen Musikrates Dr. Thomas Goppel, zeigte einerseits die Bedeutung des Vocalensembles für die Stadt und andererseits den großen Wert, der dem Chorgesang hier beigemessen wird. Chorleiter Matthias Utz hatte mit seinen Sängern und Sängerinnen ein abwechslungsreiches Programm unter dem Motto „Zwischen Heimat und Ferne“ erarbeitet, das vor allem an die Länder erinnern sollte, zu denen man Konzertreisen unternommen hatte. So gab es Beiträge englischer, französischer, tschechischer, amerikanischer und deutscher Chormusik aus verschiedenen Jahrhunderten.

Auch ehemalige Mitglieder wirkten mit

Da das Vocalensemble in der Zeit seines Bestehens in der Besetzung wechselte, hatte man die Idee, zum Jubiläumskonzert auch ehemalige Mitglieder einzuladen, um mit diesen einige der Programmpunkte zu verwirklichen. So hatten diese auch am Eingangsgesang und Einzug des Chores teil. Sie schritten jedoch nicht mit zur Bühne, sondern verblieben in den hinteren Publikumsreihen und gaben dem Eingangsgesang damit eine eindrucksvolle räumliche Wirkungskraft. In der ersten Konzerthälfte, die ausschließlich in der derzeitigen Besetzung von insgesamt 30 Sängerinnen und Sängern ausgeführt wurde, gab es unter anderem Johannes Brahms Mottete „Warum ist das Licht gegeben“, Claude Debussys Chorlied „Dieu! Qu´il la fait“ oder das für Chor bearbeitete Scherzlied „Zu Regensburg auf der Kirchturmspitze“ zu hören. Zu Beginn der zweiten Konzerthälfte sang das Ensemble gemeinsam mit den ehemaligen Mitgliedern zwei Motetten von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Hier offenbarte sich nun, wie sich die dynamische Reichweite mit Zunahme der Sängerzahl potenzieren kann. Als Zuhörer hatte man das Gefühl, als gäbe die Sicherheit der vergrößerten Gemeinschaft den Sängern erst den Freiraum, vollen Stimmeinsatz zu zeigen. Hatte die erste Hälfte des Konzertes (wie im Übrigen auch die restliche zweite) eher einen etwas monotonen Charakter, so kam es hier zu einer wahren Entfesselung der Stimmgewalt, zum erlösenden Forte in der Musik, zur klar erkennbaren Entwicklung der Harmonie zwischen den Stimmen.

In den folgenden Chorliedern von Antonin Dvorák und Max Reger, sowie der hervorragenden Komposition „Waternight“ von Eric Whitacre, die wieder in der eigentlichen Chorbesetzung gesungen wurden, ging der beschriebene Effekt leider wieder verloren. Das lässt letztlich jedoch keinesfalls am Niveau und dem qualitativen Potenzial des Vocalensembles zweifeln, sondern führt lediglich zur Frage, ob es an diesem Abend voll ausgeschöpft wurde

 

Erschienen im Landsberger Tagblatt, Autor: Solveig Kirschner

 
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